INTERVIEW // Eva Brunner "SCHLÖSSLI"
Das Schloss Schauensee, Wahrzeichen der Stadt Kriens bei Luzern, Schweiz, liebevoll SCHLÖSSLI genannt, übt in seiner spröden Schönheit seit jeher eine große Faszination aus. Auf Eva Brunner ganz besonders, zumal sie einen Teil ihrer Kindheit dort verbrachte, nachdem ihre Mutter in zweiter Ehe den illustren und charismatischen Banquier Ernst Brunner geheiratet hatte. Es folgte ein beispielloser gesellschaftlicher Aufstieg, der ein Jahrzehnt später abrupt endete.
Im autobiografischen Hörspiel „Blauensee - Ein wahres Märchen mit fatalen Folgen“ von 2007 ging Eva den Hintergründen nach. Für das kleine Mädchen jedoch war die verwunschene Umgebung damals ein Nährboden für alle möglichen Fantasien. 2022 war Eva fotografisch auf Spurensuche im SCHLÖSSLI und arbeitet nun an einem Künstlerbuch mit neuen Fotografien, Auszügen aus dem Familienalbum und einem Essay.
VTph magazine: Eva, nach vielen intensiven Jahren, in denen die Serien „Perchance to Dream“ und „No Escape from Paradise“ entstanden sind, klopft deine Familiengeschichte in deiner neuen Serie „SCHLÖSSLI“ an; in der Hauptrolle dein Stiefvater – ein ehemaliger Schweizer Banquier. Welcher Auslöser führte dich zurück nach Luzern in das Schloss, in dem du damals mit deiner Familie lebtest?
Eva Brunner: Von der dokumentarischen Streetphotography kommend tendiere ich zu immer persönlicheren Projekten, zu Geschichten, die ich mal mehr, mal weniger abstrakt, surreal oder grotesk ausbreite. Ich fotografiere die Lebensrealität, die mich umgibt, und vermische inzwischen gern ‚gefundene‘ Bilder mit inszenierten Fotografien. „Perchance to Dream“ etwa ist ein fiktionales Tagebuch, das zwischen Traum und Wirklichkeit einer Dreiecksbeziehung zwischen meinem Lebenspartner Bernhard, seiner Transidentität Barbara und mir oszilliert. Meine Familiengeschichte, die ich tagtäglich mit mir herumtrage, schließt sich da sehr gut an. Als ich das Thema erstmals vor über 20 Jahren für mein Hörspiel „Blauensee“ aufarbeitete, stand die charismatische Persönlichkeit des Banquiers, der zum Hochstapler mutierte, vom Aufstieg bis zum tiefen Fall, im Mittelpunkt. Ich ging der Geschichte der Bank nach und fragte mich, was das für eine Gesellschaft ist, die solchen Persönlichkeiten den roten Teppich ausbreitet.

Eva Brunner SCHLÖSSLI #1
Diesmal geht es um meine Faszination für das Schloss an sich, dem Wahrzeichen der Stadt Kriens bei Luzern, das heute der Bevölkerung gehört – und um meine Kindheitserinnerungen darin. Einen konkreten Auslöser gibt es auch: 2012 war ich zum ersten Mal wieder im Schloss anlässlich der Dreharbeiten zum Dokumentarfilm „Der Krösus von Luzern“ von Sören Senn. Dabei entdeckte ich zu meinem Erstaunen, dass mein Kinderzimmer noch wie damals belassen worden war, einschließlich der mit türkisfarbenem Wachspapier mit Pudel- und Katzenzeichnungen ausgekleideten Schreibtischschubladen. Das Werk meiner ungeschickten Hände einer Sieben- oder Achtjährigen, der auch die unrühmlichen Brandspuren, die beim Spielen mit Kerze und Streichhölzern entstanden, und das Einritzen des Namens EVI in antikes Getäfel anzulasten sind.
Wenn ich heute durch das Schloss gehe, begegne ich denselben Räumen, aber aus einer völlig anderen Position. Der Ort ist derselbe – ich bin es nicht. Es ist wie eine Zeitreise, bei der ich auf mein früheres Ich blicken kann.
Die Spurensuche nach Bildern aus der eigenen Vergangenheit bringt oftmals auch sehr viele Emotionen zu Tage. Du öffnest dich und zeigst dieses Stück Vergangenheit von dir. Wie gehst du mit deiner eigenen Verletzlichkeit und Sichtbarkeit im Hinblick auf dieses Kapitel um?
Verletzlichkeit ist kein Zustand, den ich ausstelle, sondern ein Material, mit dem ich arbeite. Damals beim Wiederaufrollen dieser Familiengeschichte, die über zwei Jahrzehnte zu Hause als ein Tabu galt, war meine größte Sorge aber, wie unsere Mutter damit klarkommen würde. Es war ein schwieriges Kapitel mit vielen Auf und Abs, als mein Hörspiel und später der Dokumentarfilm entstanden. Leider ist sie Anfang 2020 von uns gegangen. Ich glaube, diese meine neue Art der fotografischen Annäherung hätte sie gern miterlebt – lieber noch als das Vorherige.

Eva Brunner, Familienalbum (Auszug)
Als Fotografin und Künstlerin darfst du auch viele verschiedene Stilmittel nutzen, um deine Serie in einen erzählerischen Kontext zu setzen. Was ist überhöht, was ist echt, was ist Fiktion in dieser persönlichen Serie?
Echt sind die Räume, die Zeitspuren, die Atmosphäre. Von einer höheren Warte aus ist mein heutiger Blick auf eine Kindheit, die ich damals nicht einordnen konnte.
Jedes Medium hat seine eigenen Regeln. Beim Hörspiel damals, das auf aufwändigen Recherchen basierte, waren die Figuren fiktiv, zusammengefügt aus mehreren Vorlagen verbürgter Schicksale. Fiktiv war auch, dass ich als Ort der Handlung das Schloss wählte und als Zeit den letzten Abend des Banquiers mit seinem Suizid am Ende, mit wilden Vor- und Rückblenden und einem Epilog. Tatsächlich lebten wir ab der Eheschließung meiner Mutter mit Ernst Brunner nur die ersten vier Jahre im Schloss, worauf weitere sieben in einer pompösen Villa folgten.
Dahingegen kommt mir die 2022 im Schloss und im Park fotografierte Serie – allein mit dem Vorgefundenen und meinen Gedanken (und mit meinem Partner) sehr viel echter und persönlicher vor. Mein Augenmerk gilt diesen vier Jahren im Schlössli, die im Kern alles enthalten, was später folgte.

Eva Brunner SCHLÖSSLI #7
Du planst ein sehr komplexes Fotobuch, welches im kommenden Jahr publiziert werden soll. In welchen Erzählsträngen kommen die Schwarzweißfotografien aus deinem Familienalbum mit deinen eigenen persönlichen inneren und äußeren Bildern zusammen?
Noch ist nichts in trockenen Tüchern, noch wird herumexperimentiert.
Aktuell gibt es einen Entwurf, der zwei Bücher in einem enthält, plus integriertem Leporello. Beginnt man auf der A-Seite, blättert man erst durch die Sequenz der Farbfotografien, die durch die Abfolge, Pausen und Übergänge die Geschichte vermitteln sollen. Am Ende angekommen, dreht man das Buch um und kommt auf die B-Seite, die den Text enthält, welcher die Geschichte mit Worten vermittelt, plus einen herausnehmbaren Leporello mit dem historischen Material.
Wichtig ist, dass die Bilder nicht den Text illustrieren, und der Text nicht die Bilder erklärt, sondern dass jedes der drei Elemente einen eigenen Flow besitzt und in sich stimmig ist.

Eva Brunner, Familienalbum (Auszug)
Wo treffen sich deine Orte aus der Vergangenheit mit den Orten der Gegenwart?
Im SCHLÖSSLI – so auch der Titel des Buches – überlagern sich das erinnerte Bild und das gesehene Bild, also des Kindes von damals und der erwachsenen Beobachterin. Wenn ich heute durch das Schloss gehe, begegne ich denselben Räumen, aber aus einer völlig anderen Position. Der Ort ist derselbe – ich bin es nicht. Es ist wie eine Zeitreise, bei der ich auf mein früheres Ich blicken kann.

Eva Brunner, Familienalbum (Auszug)
Ein Essay über diesen Zeitabschnitt, welches du ebenso schreiben wirst, wird uns als Betrachter noch stärker in deine Familiengeschichte führen. Vor einigen Jahren hattest du auch das Hörspiel „Blauensee – Ein wahres Märchen mit fatalen Folgen“ in Kooperation mit dem Schweizer Rundfunk produzieren können, welches mit dem PRIX SUISSE für „Blauensee“ als bestes Schweizer Hörspiel und ebenso als Schweizer Beitrag für den Prix Italia 2008 und den Prix Europa 2008 nominiert wurde. Welche Bedeutung haben für dich diese vielen unterschiedlichen Medien, die du nutzt, um deine Familiengeschichte dem Betrachter nahe bringen zu können?
Bei „Blauensee“ vor über zwanzig Jahren ging es mir um die erstmalige Erschließung dieses Stoffes. Denn auf den Tod und den großen Skandal folgten Stille und Schweigen. Fotoalben und Gästebücher aus jener Zeit waren nicht auffindbar. Deshalb sind sie mir heute wohl so wichtig. Zu Hause galt: Ernst Brunner hätte ein paar schlechte Geschäfte gemacht und schließlich mit dem Tode bezahlt. Natürlich wollte ich der Sache schon immer auf den Grund gehen, aber es mussten erst einmal 20 Jahre vergehen, bis ich das bewerkstelligen konnte.
Bei einem Hörspiel finde ich es faszinierend, wenn einzig durch Wort und Klang vor dem inneren Auge des Zuhörers Bilder und ganze Bildsequenzen entstehen, ähnlich wie bei der Lektüre eines Buches. Bei einer Fotoserie liebe ich es wiederum, wenn nur durch Fotografien und deren Anordnung Geschichten erzählt werden – und man auf Text gänzlich verzichten kann. Das war bei SCHLÖSSLI erst auch mein Ansinnen. Ich merkte dann aber schon bald, dass ich diesem dokumentarisch verankerten Projekt nicht gerecht werde, wenn ich nicht auch eine textliche Ebene hinzufüge.
Interview: Nadine Ethner
Cover: Eva Brunner SCHLÖSSLI #30
Special Edition VTph editions